Kleists “Penthesilea”

In Kleists Drama erfährt man, dass sich einst unter der Herrscherin Tanais aus Rache wegen eines mythischen Frauenraubes der Amazonenstaat gründete, dem nun Penthesilea, Tochter der Otrere und des Ares, als Königin vorsteht. Dieser Kriegerinnenstaat duldet keine Männer in seinen Reihen. Daher ziehen die Amazonen regelmäßig zu Raubzügen aus, um sich Männer zu holen, welche sie wieder verstoßen, sobald sie ein Kind gezeugt haben. Diesen Männern müssen sie im Kampf begegnen und sie auf dem Schlachtfeld besiegen, um sie lieben zu dürfen. Die individuelle Wahl des Partners ist nicht gestattet. Dies verlangt das eherne Gesetz des Amazonenstaates, “das fern aus der Urne des Heiligen kommt”. Mit diesen Traditionen lebt auch Penthesilea. Sie werden von der jungen, belasteten Königin nicht hinterfragt.

Unter der Führung Penthesileas bricht das Heer der Amazonen mitten in den trojanischen Krieg herein und sorgt auf beiden Seiten – bei Trojanern und Griechen – für größte Verwirrung, kämpft es doch auf Seiten keiner der beiden Kriegsparteien. Im Gegenteil. Die Amazonen rauben ihre Männer wahllos aus beiden Heeren. Nur Penthesilea nicht. Sie hat sich in jugendlichem Liebesbegehren in Achill verliebt, den größten aller griechischen Helden. Dieser scheint nicht nur ein schier unbezwingbarer Gegner, sondern auch in sexueller Hinsicht kein Kostverächter zu sein. Ihr Begehren treibt Penthesilea stets von neuem in den Kampf gegen Achill, denn sie muss ihn besiegen, um dem heiligen Gesetz zu genügen. Achill andererseits findet Gefallen an dem Spielchen die Amazonenkönigin immer wieder auf dem Schlachtfeld herauszufordern und ist bereit, um an das Ziel seiner Begierden zu gelangen, sich Penthesilea zum Schein zu unterwerfen. Doch die wiederholten Niederlagen treiben Penthesilea immer weiter in blutrünstige Rage. Sie gerät tiefer und tiefer in den Widerspruch zwischen ihren Bedürfnissen und den Grenzen, welche die Amazonengesellschaft ihr gesetzt hat, bis sie versucht, in einem verzweifelten, finalen Akt der Gewalt alle schier unüberwindlichen, in ihr selbst und in ihrer Welt herrschenden Gegensätze zu sprengen.

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