Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger von Dario Fo wurde im WS 2006/07 von Mikrokosmos produziert und am 17., 19., 20. und 21.01.2007 in der ESG in Heidelberg aufgeführt. Im folgenden finden Sie einige Informationen zu Stück und Autor, die mit der Premiere im Programmheft des Stückes veröffentlicht wurden.

Zum Inhalt von ‚Siebentens: stiehl ein bisschen weniger’

Das tumbe, naive Mädchen Enea arbeitet nach dem Tod ihres alkoholkranken Vaters wie dieser als Totengräber auf einem Grosstadt-Friedhof, der von einem nicht minder dümmlichen, schmierigen und nur von wenig Skrupel geplagten Direktor geleitet wird. In diesem trostlosen Leben ist sie zu allem Unglück auch noch Projektionsfläche für die Gemeinheiten, Albernheiten und Späße ihrer Kollegen. Als diese ihr wieder einmal versuchen mit einer Geschichte über die bevorstehende Schließung des Friedhofs einen Bären aufzubinden, entpuppt sich dieser Spaß unerwarteterweise als wahr und schlimmer noch, als eingebettet in einen viel größeren Skandal um Bauspekulation und Bestechungsgelder, in den neben dem Geschäftsmann Arnaldo Nascimbene auch höchste politische Kreise verwickelt sind. Die Bekanntschaft mit dem Geschäftsmannes macht Enea unter ungewöhnlichen Umständen im Sargmagazin des Friedhofs, wo Nascimbene verzweifelte, aber subtile Versuche unternimmt, seinem eigenen Bankrott und den Folgen seiner Verstrickung in den Wirtschaftsskandal zu entkommen. Dabei kommt es zu skurrilen Verwicklungen, in denen sich Enea mal als Prostituierte, mal als Medium betätigen muss und die schließlich dazu führen, dass Enea sich einverstanden erklärt, für Nascimbene wichtige Dokumente aus seinem Büro, zu dem er nach seinem Bankrott selbst keinen Zugang mehr hat, zu entwenden, um damit seine ehemaligen Teilhaber zu erpressen.

Das Büro befindet sich in einem alten Kloster, in dem Nonnen mit einem verrückten Professor eine Art Irrenanstalt eingerichtet haben. Trotz einiger Hindernisse ist für Enea der Einbruch in das Kloster unerwartet leicht. Nicht zuletzt deshalb, weil es ihr gelingt, sich zeitweise als die neue Priorin auszugeben. Durch das Auftauchen der echten Priorin und die Ermittlungen eines Kommissars müssen Enea und Nascimbene jedoch von ihren Erpressungsplänen lassen und sind gezwungen den ganzen Skandal und auch Nascimbenes Beteiligung daran auffliegen zu lassen, um wenigstens als moralisch Geläuterte davon zu kommen. Aus dem anfänglich eher egoistischen Motiv die eigene Haut zu retten, entwickeln beide das ehrliche Bedürfnis die Wahrheit über den Korruptionsskandal aufzudecken. Sie beginnen auf ungezügelte Bereicherung und soziale Ungerechtigkeiten hinzuweisen und versuchen so den Schein einer moralischen und gerechten Gesellschaft zu demontieren. In diesem neuen, sozialen Bewusstsein treten Enea und Nascimbene nun gemeinsam für die Wahrheit ein. Sie wollen enthüllen, aufklären, kritisieren und erhalten bei ihrer Revolte zunächst auch tatkräftige Unterstützung von Justiz und Polizei. Die neuen Helden bemerken jedoch nicht, dass ihre berechtigte Kritik in vielen Fällen zu kurz zielt. Denn eine absolute Moralität zu fordern, kann sogar die zu verteidigende, soziale Ordnung gefährden, die ihnen die Möglichkeit zur Kritik erst geschenkt hat. Denn, diese Erkenntnis hat ihnen der Minister, der zur Aufklärung des Skandalgeschehens eigens ins Kloster anreist, längst voraus: Jede Regierung braucht Legitimität in Form von Vertrauen in die staatlichen Institutionen. Wer dieses Vertrauen aber durch stetige Kritik untergräbt, entzieht die Legitimität und macht jede Regierung am Ende unmöglich. Diese Störung der Balance zwischen den individuellen Möglichkeiten moralisch zu handeln und einem funktionierenden Gemeinwesen, mündet dann in Anarchie und Chaos.„Ein bisschen Skandal von Zeit zu Zeit, und gut dosiert, das stärkt die Macht, schafft Vertrauen im unzufriedenen Bürgervolk.“ Doch wem können die Bürger noch vertrauen, wenn sie bei jedem Geschäft und bei jeder Abstimmung in dem Bewusstsein handeln, sie würden betrogen? Müssen sie nicht versuchen sich in einem gewissen Rahmen einen Schein von Gerechtigkeit zu bewahren und über kleinere soziale Ungereimtheiten hinwegsehen können, um normal leben zu können? Ist es nicht vielleicht die realistischere Perspektive anzunehmen, dass Menschen nicht immer moralisch oder nach ihren Idealen handeln können und es in manchen Situationen legitim ist, sich mit einer defizitären Realität zu arrangieren? Und wenn ja, in welchen? Wo beginnt dann die Korruption? Und ist sie vielleicht sogar ein notwendiges Übel jeder Gesellschaft?

Das sind einige der Fragen, die Fo in ‚Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger’ durch den zwischen Enea und dem Minister ausgetragenen Konflikt thematisiert. Minister und Professor werden ihn auf tyrannische Art für sich entscheiden. Einerseits wünschte sich jeder, wie Enea und Nascimbene, die Aufklärung einer Watergate-Affäre oder eines VW-Korruptions-Skandals, wäre aber andererseits, wie der Minister, bereit einen von „Häschern“ zu unrecht Verfolgten durch eine Lüge zu schützen. So wird deutlich werden, dass in der letzten Konsequenz beide Seiten dann über ihr Ziel hinausschießen, wenn der Zweck die Mittel heiligt. Denn sowohl Trepanation als Mittel gesellschaftlicher Kontrolle, wie es der Minister fordert und einsetzt, als auch ein Leben ohne funktionierende Institutionen, wie es Enea und Nascimbene vertreten müssten, würde wohl jeder ablehnen.

Am Ende wird sich Enea, gereift und um viele Erfahrungen reicher, allein auf ihren elenden Friedhof zurückziehen.

Dario Fo (Geschäftsmann) und Franca Rame (Enea) während der Uraufführung 1964 im Teatro Odeon, Mailand

Giular ca son mi !!! – Der Spielmann ist da !!!


„Ich bin Jesus Christus, und mein ist die Kraft des Wortes, das ich Dir bringe,
Deine Zunge wird sein wie eine Klinge.“

(…)

„Er hat mich auf den Mund geküsst, lange hat er mich geküsst. Und mit einem Mal habe ich gespürt, wie meine Zunge hin und her schnellte in meinem Mund und wie mein Gehirn sich bewegte und meine Füße von alleine liefen. Bis auf den Platz mitten im Dorf bin ich gelaufen und habe geschrieen: ‚Kommt herbei, ihr Leute! Kommt herbei! Der Spielmann ist da! Ich zeige Euch ein Narrenspiel, ich will mich messen mit unserem Patron, mit diesem aufgeblasenen Fettsack! Ich will ihn durchbohren mit meiner Zunge! Alles will ich Euch berichten, wie es kommt und wie es ist und dass Gott nicht derjenige ist, der uns bestiehlt! Die Herren sind es, die ungestraft stehlen und die Gesetze in den Büchern sind von ihnen gemacht (…)’“

Aus Dario Fos Monolog „La nascità del giullare“ im Stück „Mistero buffo“

„Ich bin bestürzt!!“ soll Dario Fos erste Reaktion gewesen sein, als er 1997 erfuhr, dass ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen werden solle. Große Teile der konservativen italienischen Presse sahen dies damals ähnlich. Denn mit der Foschen Dramatik wurde, anders als beim Nobelpreis üblich, alles andere als die traditionelle Hochkultur gewürdigt. Fo findet seine Stoffe nicht in den Klassikern, nicht bei Sophokles oder bei Shakespeare, sondern in den Geschichten, den fabulazioni, der Fischer und Schmuggler vom Lago Maggiore oder der Glasbläser aus dem Valtravaglia, der Gegend um sein Heimatdorf Sangiano (Varese), in dem er 1926 als Sohn eines Eisenbahners und einer Bäuerin das Licht der Welt erblickte. Das Theater Dario Fos wurzelt im Volkstheater und in der Tradition der fahrenden Gauklergruppen des Mittelalters, es nimmt Formen der Commedia dell’Arte auf, modifiziert sie und wird schließlich durch die Einflüsse des Revue- und Variété-Theaters der 50er und 60er Jahre massentauglich.

Es ist zunächst die Erfahrung des Geschichtenerzählens, der Angeberei in der Kneipenkonversation, allgemein die „alltägliche Theatralik“ einer dörflichen Kultur, die den jungen Dario Fo faszinieren. Die Halblegalität des Schmugglermilieus tut ein Übriges. Sie fordert Mut, Risikobereitschaft und die Fähigkeit zur Fantasie. Die Fantasie zur guten Lüge und die Fantasie in unberechenbaren, schwierigen Situationen noch einen Ausweg zu finden. Viele Figuren seiner Stücke, dürften zumindest in diesen frühen Jahren seiner Erfahrungen wurzeln. So fielen beispielsweise Anfang des letzten Jahrhunderts noch viele Glasbläser durch Silikatvergiftungen psychischen Erkrankungen und Alkoholismus zum Opfer. Fo hat selbst über seine frühen Erfahrungen mit psychisch Kranken in den Jahren seiner Kindheit berichtet und es ist sicherlich kein Zufall, dass die sogenannten Irren in vielen seiner Stücke, und auch in Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger, immer wieder auftauchen.

Weitere prägende Einflüsse erfährt Fo durch die lokalen, volkstümlich-dramatischen Traditionen z.B. durch den Maskenkarneval. Prägend werden ebenfalls Erfahrungen im antifaschistischen Wiederstand am Ende des zweiten Weltkrieges, der ihn zur Unterbrechung seines Architekturstudiums an der Mailänder Brera zwingt, sowie sein Interesse an Formen des mittelalterlichen Theaters. So hat Fo als für ihn einflussreichsten Autor neben Brecht und Molière immer auch den Paduaner Ruzzante (1502 – 1543, eigentlich Angelo Beolco; der Künstlername leitet sich übrigens vom Dialektwort „ruzzare“ ab, das „es mit den Tieren treiben“ bedeutet) genannt, der das Theater und besonders das Lachen als Mittel zur Reflexion unerträglicher gesellschaftlicher (Macht-)Verhältnisse entdeckt und radikal soziale Fragen thematisiert hat. Eindrucksvoll hat Fo diese Wurzeln im Monolog „La Nascità del giullare“ aus seinem Meisterstück Mistero buffo (1968) aufgezeigt. Hier findet ein von Krieg und Hunger geplagter, gottverlassener, norditalienischer Bauer im Gauklertum den einzigen Ausweg aus dem Wahnsinn seiner Lebenswelt, als er erkennt, dass er durch das Lachen seinem Schicksal und den Mächtigen überlegen ist.

Motivation der Foschen Theaterkonzeption wird Ende der 50er Jahre mehr und mehr die Widerbelebung dieser volkstümlicher Theatertradition, die anders als in Deutschland in Italien nie ganz von der Hochkultur des bürgerlichen Theaters verdrängt worden ist. Fo sieht sogar die Wurzeln des etablierten und institutionalisierten bürgerlichen Theaters in der Volkstradition, die nun zu Zwecken der Beherrschung und Unterdrückung von den mächtigeren Klassen ausgebeutet wird. Dies wird in den 50er Jahren mit dem auch in Italien aufkommenden kleinen Wirtschaftswunder, dass eine neue saturierte aber schwerfällige Mittelschicht hinterlässt, deutlich. Es entsteht eine neue gesellschaftliche Gruppe, die ihren bescheidenen Wohlstand genießen und auch zeigen will, aber ungebildet und in den überkommenen Moralvorstellungen der Vorkriegszeit verhaftet bleibt. Diese Gruppe fordert vom Theater vor allem ein Unterhaltungsprogramm. Diesem Bedürfnis versuchen die bürgerlichen Mailänder Bühnen durch die verstärkte Produktion von Revue- und Variété-Abenden, die viele Stilelemente des Volkstheaters adaptieren, gerecht zu werden. In diesem Umfeld, unternimmt Fo mit der von ihm mit Unterstützung seines Lehrers Jacques Lecoq 1953 begründeten Compagnia-Fo-Parenti-Durano seine ersten schauspielerischen Gehversuche an professionellen Häusern. Ziel wird für Fo nun zunächst dieser Ausbeutung der Volkskultur durch ihre Wiederbelebung entgegenzutreten. Ein ehrgeiziges Projekt, das er gemeinsam mit seiner aus einer über dreihundert Jahre alten Schauspielerfamilie stammenden Ehefrau Franca Rame durch die Gründung der Compagnia Fo-Rame (1959) umzusetzen beginnt. Dieses Unternehmen wird Ende der 60er Jahre schließlich in eine explizit klassenspezifische antibürgerliche Kunstauffassung münden, die anstrebt die Wideraneignung der Volkskultur zur Erzeugung eines produktiven gesellschaftlichen Verhaltens der unteren Klassen einzusetzen und letztlich zum Bruch mit dem gesamten bürgerlich elitären Theater und der etablierten politischen Linken führt. Fo und Rame verfolgen ihre Ziele nun unter schwierigsten Bedingungen aber unabhängig mit den basisdemokratischen Theaterkollektiven „Associazione Nuova Scena“ (1968) und „Colettivo teatrale la Commune“ (1970) weiter.

Von 1959-1968 spielt die Compagnia Fo-Rame jedoch erst mal sehr erfolgreich am recht konservativen Mailänder Teatro Odeon, wo sie in fast jeder Spielzeit eine neue Komödie, darunter 1964 Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger, auf die Bühne bringt. In diesen Stücken ist die Instrumentalisierung des Theaters zum Zweck des Klassenkampfes noch nicht voll umgesetzt, die Entwicklung jedoch bereits abzusehen. So werden jeweils aktuelle gesellschaftliche oder politische Ereignisse thematisiert und kritisiert. Ist es in Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger noch Korruption und Wirtschaftskriminalität, drehen sich zeitnah entstandene Stücke wie „Isabella, tre caravelle e un cacciaballe“ (1963) oder „La donna è da buttare“ (1967) um Zensur und Inquisition respektive um den amerikanischen Imperialismus. Bereits hier werden konsequent die Praktiken der kapitalistischen Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf den Menschen angeprangert. Das Publikum wird direkt angesprochen und auf die aktuelle politische Situation verwiesen. Das Milieu der kleinen Leute, das die Komödien beherrscht, der Friedhof, das Irrenhaus, die Strichmädchen und gesellschaftlichen Verlierer in Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger, illustriert die sozialen Verwahrlosungstendenzen. Der dramatische Schwerpunkt wird verlagert und liegt nun nicht mehr in der Realisierung hoher ästhetischer Ansprüche, sondern in der Optimierung der Kommunikation mit dem Publikum, die der Induktion der politische Bewusstseinsbildung der Arbeiterschaft gilt. Das Lachen wird als Mittel erkannt, dem Arbeiter seine Realität verständlich zu machen. Das Schenkelklopfen wird politisch aufgeladen. Die Rolle des Schauspielers entspricht nun wieder der des mittelalterlichen „giullare“, des Spielmanns, dem wie bei Ruzzante die Rolle zukommt, durch Geschichtenerzählen ein revolutionäres Bewusstsein zu schaffen und dieses Bewusstsein in der direkten Diskussion mit seinem Publikum zu vertiefen.

Paradigmatisch kann dafür die Rolle der Enea in Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger gesehen werden. Enea, die Dario Fo Franca Rame auf den Leib geschrieben hat, wird durch die Elendswelt aus Friedhof, Irrenhaus und Alkoholismus geschickt und entwickelt am Ende doch ein soziales Bewusstsein, das allerdings in der kaputten Gesellschaft keinen Anknüpfungspunkt findet. So wird sie durch die Ausweglosigkeit ihrer Situation in den Dreck zurückgezwungen wird, aus dem sie kam. Allerdings sitzt die kaputte Gesellschaft selbst im Zuschauerraum. Sie ist aufgefordert mitzudenken, aufzustehen, einzugreifen und das Böse auf der Bühne zu ändern.

Mögen die resignativen Konsequenzen, die Fo in Siebentens: Stiehl ein bisschen weniger aus Korruption und gesellschaftlicher Verwahrlosung zieht auch diskutabel sein, aktuell ist das Stück allemal, wie die vergangenen Jahren mit den Parteispenden- und Korruptionsskandalen z.B. bei CDU, VW und Siemens gerade in Deutschland gezeigt haben. Wenn Fos Minister am Ende des Stückes Recht hat, dann bilden diese angeblichen Großskandale nur die Spitze des Eisbergs. Mehr noch, dass demokratische System braucht die Korruption und ihre willigen Helfer vielleicht sogar, um nicht vor die Hunde zu gehen. Ein Prinzip, dass in der aktuellen, von immer stärkerer wirtschaftlicher Konkurrenz geprägten, globalisierten Welt unter atomarer Bedrohung vielleicht sogar noch Zukunft hat. Spielmann, wir sind bestürzt!